Schlachtverlauf im Mai 1915

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Lage am 1. Mai 1915 an der Südfront der Halbinsel Gallipoli

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Schon bald nach den Landungen drängte Enver Paşa in einem Telegramm aus Istanbul, dass die bei Seddil Bahr, Teke Burnu und in der Morto-Bucht gelandeten alliierten Kräfte anzugreifen und wieder von der Halbinsel zu werfen wären. Aber auch General Hunter-Weston beabsichtigte, die Entscheidung mit aller Gewalt in seinem Frontabschnitt zu suchen.

Die 29. britische Division hatte für den 27. April den Befehl erhalten, sich einzugraben und zunächst Vorbereitungen für die Verteidigung gegen türkische Angriffe zu treffen. Obwohl Erkundungstrupps feststellten, dass die türkische Seite sich ihrerseits erst über drei Kilometer weiter nördlich zur Verteidigung einrichtete, fehlte den Engländern zu diesem Zeitpunkt offensichtlich die Kraft und der Wille, hier nachzusetzen. Die Versorgungssituation war immer noch kritisch und es konnten bislang nur 28 Artilleriegeschütze angelandet werden. Hunter-Weston befahl trotzdem den Angriff für den Morgen des 28. April. Seine Idee des Gefechtes war ein Angriff der ganz links eingesetzten Kräfte gegen Kirthe, während in der Mitte zunächst verhaltend und dann langsam weiter nach Nordenwesten angegriffen werden sollte. Links und in der Mitte waren Kräfte der 29. Division und rechts die französische Division eingesetzt. Der Plan sah also eine nicht einfach zu koordinierende Flankenbewegung gegen unbekannte feindliche Stellungen vor – ohne ausreichende Artillerieunterstützung und mit immer noch erschöpften Truppen. Erschwerend kam erneut der zeitliche Druck hinzu – manche Einheiten bekamen den Angriffsbefehl nicht einmal bis zum geplanten Angriffsbeginn. Allerdings glaubte Hunter-Weston dieses Risiko eingehen zu können, da er den Widerstand der türkischen Truppen, die sich seiner Meinung nach noch auf dem Rückzug nach Norden befanden, als nur schwach einschätzte.

Die „Erste Schlacht um Kirthe“ begann am 28. April um 8.00 Uhr mit der Artillerievorbereitung durch die vor Reede liegenden Schlachtschiffe. Der Angriff auf der linken Flanke verlief zunächst planmäßig und der Ort Kirthe schien schon bald genommen zu sein. In der Mitte jedoch verlor der Angriff an Zusammenhang, die Befehle waren vergessen oder falsch verstanden worden und jede Einheit griff dort an, wo sie es für richtig hielt. Gegen Mittag hatte der gesamte Angriff seinen Schwung verloren und die Lage war unklar. An der rechten Flanke hatten die französischen Truppen versucht, den Kereves zu überqueren, waren dort aber durch die eingegrabenen türkischen Verteidiger abgewiesen worden, die das teilweise tief eingeschnittene Gelände gut zu nutzen verstanden. Vor allem in der Mitte konnten Kräfte des Regimentes 19, das im Laufe des Tages in einem Gewaltmarsch an die Front herangeführt worden war, gegen 15.00 Uhr zu einem Gegenangriff auf die Grenze der beiden angreifenden Divisionen angesetzt werden. General Hunter-Weston verlor nun gänzlich die Kontrolle über das Gefecht. Auch wenn einzelne britische Truppenteile bis auf die Höhe von Kirthe herangekommen waren, konnten sie dort nicht weiter unterstützt werden. Die britischen Truppen traten den Rückzug an und die Schlacht wurde am gleichen Tag um 18.00 Uhr abgebrochen. Die „Erste Schlacht um Kirthe“ war eines der intensivsten Gefechte der gesamten Kämpfe um Gallipoli und kostete die rund 14 000 beteiligten alliierten Soldaten fast 3 000 Mann Verluste.

Die Truppen auf beiden Seiten waren erschöpft, aber die alliierte Seite hatte zusätzliche Versorgungsprobleme, da durch Unwetter zunächst keine Nachschubgüter über See angelandet werden konnten. Mit diesem niederschmetternden Ergebnis der ersten Kämpfe um Kirthe war auch Hamilton’s Strategie eines schnellen, handstreichartigen Nehmens der Halbinsel zusammengebrochen. Die eigenen Kräfte waren stark dezimiert und demoralisiert, während die Verteidiger sich nun an dem ansteigenden Gelände des Eltschi Tepe weiter zur Verteidigung einrichteten und zusätzliche Kräfte vom asiatischen Ufer heranführen konnten. In der Zwischenzeit bereitete von Sanders den Gegenangriff der Südgruppe für die Nacht vom 1. auf den 2. Mai vor, wobei gleichzeitig weitere Gegenangriffe in Ariburnu gegen die ANZACs geführt werden sollten.

 

Am 30. April hatte Oberst von Sodenstern als Befehlshaber der Südgruppe den Befehl erhalten, mit allen verfügbaren Kräften – insgesamt 21 Battailonen – die alliierten Stellungen anzugreifen. Abgesehen von der 9. Division, die aber kaum mehr über eigene kampfkräftige Truppenteile verfügte, und der ebenfalls stark geschwächten 7. Division, waren frische Truppen der 11. Division, die in Eilmärschen ohne Gepäck vom asiatischen Ufer herangezogen worden war, sowie Teile der 5. und der 3. Division verfügbar. Mühlmann beschrieb die Vorbereitungen zu diesem Angriff wie folgt: „Am Nachmittag machte ich, um mich frisch zu erhalten, einen kurzen Schlaf u. arbeitete dann auf einer dicht neben uns liegenden Höhe [...] einen zündenden Tagesbefehl aus, in dem in kurzen Worten die Soldaten zur Verteidung ihrer religiösen u. politischen Freiheit aufgefordert werden, ich werde Euch eine Abschrift dann schicken. Abends 9 waren die beiden Div. Kdeure bestellt, um mit ihnen alles mündlich noch ganz genau zu besprechen u. etwaige Zweifel beheben zu können.“[i] Selbiger, von seinem Adjutanten entworfene Tagesbefehl, wurde von Sodenstern an die Truppen vor diesem Angriff erteilt: „Soldaten! Ihr müsst den Feind, der sich bei Sedd-el-Bahr festgesetzt hat, ins Meer treiben. Der Feind fürchtet euch; er traut sich nicht aus seinem Schützengraben heraus und euch anzugreifen. Er kann nichts anderes machen, als auf euch mit seinen Kanonen und Maschinengewehren zu warten. Ihr fürchtet nicht sein Feuer. Ihr müsst daran glauben, dass die größte Seligkeit den erwartet, der sein Leben im Heiligen Krieg gibt. Greift den Feind mit dem Bajonett an und vernichtet ihn total. Wir werden keinen Schritt weichen; wenn wir es tun, werden wir unsere Religion, unser Land und unsere Nation zerstören! Soldaten! Die Welt schaut auf euch! Eure einzige Hoffnung ist, diese Schlacht erfolgreich zuende zu führen oder das Leben bei diesem Versuch glorreich zu opfern.“[ii] Ein weiterer Befehl von Sodernstern an seine Regimentskommandeure war mehr als deutlich, da offensichtlich vor allem nicht selten die Führungsleistung der türkischen Offiziere im Gefecht zu wünschen übrig ließ: „Dass es für alle klar verstanden ist, nämlich dass diejenigen, die sich beim Moment des Angriffes nicht bewegen oder versuchen zu fliehen, erschossen werden. Aus diesem Grund werden Maschinengewehre hinter den Truppen in Stellung gebracht, um diese besagten Individuen zu zwingen, anzugreifen aber gleichzeitig auch gegen die feindlichen Reserven zu wirken.“[iii]

Bei Kirthe standen am Abend des 1. Mai alle verfügbaren Kräfte der Südgruppe bereit, um zum Gegenangriff anzutreten. Mit Einbruch der Dunkelheit wurden die Einheiten der 9. und 7. Division, mit weißen Ärmelabzeichen zur gegenseitigen Erkennung versehen, in die Ausgangsstellungen geführt. Der Angriff begann, wie geplant, um 22.00 Uhr.

Am 1. Mai war auf alliierter Seite die Stimmung und Versorgungslage schon bedeutend besser, als noch zwei Tage zuvor. Da sich das Wetter gebessert hatte, konnten nun Nachschub und Truppenverstärkungen ungehindert angelandet und herangeführt werden. Die Truppen in den Stellungen waren ausgeruht und gut versorgt, als gegen 22.00 Uhr die türkische Artillerie das Feuer eröffnete. Die türkischen Truppen griffen über mehrere hundert Meter freies Gelände an und konnten nur an zwei Stellen in die gegnerischen Linien einbrechen. Der Einbruch gelang bei den Munster und Dublin Fusiliers, die schon bei der Landung schwere Verluste hinnehmen mussten. Die türkischen Truppen konnten jedoch von Einheiten der Royal Fusiliers und der Royal Scotts aufgefangen und die verlorenen Stellungen wieder eingenommen werden. Auf alliierter Seite wurde der Angriff von Sergeant Dennis Moriarty, 1/ Royal Munster Fusiliers in seinem Tagebuch wie folgt festgehalten: „Gegen 5 Uhr nachmittags begann schweres Schrapnellfeuer auf unsere Gräben. [...] Um 9 Uhr nachts begann ein Angriff, den ich sicher nicht vergessen werde, solange ich lebe. Sie liefen bis vor unsere Gräben (es waren tausende) und sie riefen in die Nacht: Allah, Allah. Wir wussten uns nicht anders zu helfen, als sie umzumähen. [...] Mein Gott, was für ein Anblick, als der Morgen graute. Der ganze Bereich vor uns war bedeckt mit toten Türken“[iv].

Auf der Flanke der links angreifenden 7. Division konnte zunächst durch die Unterstützung der Artillerie ein weiterer Einbruch bei der verteidigenden französischen Division erzielt werden, aber auch hier konnten im Laufe des Gefechtes die alten Stellungen wieder genommen werden. Nach der erfolgreichen Verteidigung setzten nun wiederum die alliierten Truppen sofort zum Gegenstoß an und die links vor der 9. Division eingesetzte 87. Brigade konnte fast 500 Meter Boden und damit die vorderen türkischen Stellungen gewinnen, die jedoch im Laufe des Tages wieder durch türkischen Truppen zurückerkämpft werden konnten. Mühlmann beschrieb die Niederlage und den von Liman von Sanders befohlenen Gegenangriff in seinen Briefen: „Schlag folgte auf Schlag u. jede neue Lage bereitete mir körperlichen Schmerz. Unter diesen Umständen wollten wir den Angriff nicht wiederholen, aber ein Schreiben von L. zwang dazu. [...] Gegen 3 Morgens am 2. Mai erhielten wir Meldungen, dass die feindl. Angriffe auf der ganzen Linie zurückgeschlagen seien. Es erhob sich nun die Frage, ob man nun nicht seinerseits den geschwächten u. erschöpften Gegner angreifen sollte; aber die beiden neuen Btl waren noch nicht eingetroffen. Erst gegen 3.30 trafen sie ein; wir mussten also mit Bestimmtheit darauf rechnen, mit unserem Angriff in das Tageslicht u. damit in die Vernichtung durch die Schiffsart. hineinzukommen. Diese Erwägung gab den Ausschlag; die beiden Btl., die zudem durch den langen Marsch stark erschöpft waren, wurden zurückgezogen in Deckung, den beiden Div. befohlen, unter allen Umständen ihre Stellungen zu halten u. sich dort einzugraben.“[v] Auch wenn der türkische Angriff gescheitert war, hatten auch die alliierten Truppen schwere Verluste hinnehmen müssen. Die französischen Truppen hatten über 2 000 Verwundete und Gefallene zu beklagen.

Bereits für die darauffolgende Nacht vom 2. auf den 3. Mai hatte von Sanders den nächsten Angriff mit frischen Kräften befohlen – angesichts der vorausgegangenen schweren Kämpfe, der Versorgungslage und Umgliederungen eine große Herausforderung. Am 2. Mai wurde Oberst Kannengiesser, der zunächst Kommandeur der 19. Division bei der Nordgruppe war, von Liman von Sanders zurückbeordert, um nun bei der Südgruppe im Schwerpunkt der Verteidigung eingesetzt zu werden. Dort meldete sich Kannengiesser noch am gleichen Tag um 23.30 Uhr auf dem Gefechtstand bei Oberst von Sodenstern.

Die Flotte leistete personelle und materielle Unterstützung. So hatte Admiral von Usedom einen Mangel an Maschinengewehren an der Front an den Flottenchef herangetragen, wie Admiral Souchon im Kriegstagebuch der MMD am 30. April vermerkte: „Feindliche Landungstruppen bei Kabatepe unternahmen im Laufe des Tages Angriffe auf türkische Stellungen ohne Erfolg. ‚Barbaros’ unterstützt Armee durch indirektes Schießen. Bei der V. Armee fehlt es unglaublich, wie Usedom meldet, an Maschinengewehren. Ich gebe von den Schiffen der Flotte ab, was sich irgend abgeben lässt.“[vi] Von der GOEBEN und BRESLAU wurden Offiziere und Mannschaften gestellt, die am 2. Mai unter Führung von Oberleutnant z.S. Boltz mit 44 Mann und acht Maschinengewehren von Istanbul zu den Dardanellen abmarschierten[vii]. Diese Truppe fusionierte später mit dem bereits vor Ort befindlichen Beobachtern für das indirekte Schießen zur sogenannten „Landungsabteilung“.

 

Aus den Schilderungen Mühlmanns über die Vorbereitungen im Stab der Südgruppe wird auch Kritik an Sodenstern deutlich, der dieser Aufgabe offensichtlich nicht gewachsen schien: „3 InfRgt der 15 Div. trafen ein, 6 Batt, Btl der 11. Div, neue schwere Batt., alle wollten Befehle haben, an Munition, Verpflegung u. Sanitätsdienst musste gedacht werden, dabei war ich doch allein, der gute Sodenstern, übrigens ein famoser Mann, der aber als Btls. Kdeur abgehalftert werden sollte in Arolsen, war der Lage nicht so ganz gewachsen, Unterstützungen gab es nicht für mich ausser einem gänzlich versagenden türkischen Adjutanten u. 2 Offizier Aspiranten, die die Befehle aus dem deutschen ins türkische verdolmetschten; das war der ganze Stab für einen Truppenverband oder besser gesagt Truppen Gemengsel in der Stärke von etwa 30.000 Mann! In dieser Nacht also, vom 2./3. Mai sollte der Angriff, hoffentlich mit besserem Gelingen, wiederholt werden. Die nötigen Befehle wurden alle frühzeitig gegeben, d.h. ich gab sie frühzeitig aus, dann kam die unglückselige Übersetzung, die Weitergabe durch das schlecht funktionierende Telefon, so dass sie leider doch erst spät bis in die vorderste Linie gelangten.“[viii]

Im Laufe des 3. Mai traf zusätzlich der Kommandeur der 15. Division, Oberst Remsi Bey, mit fünf Bataillonen auf dem Gefechtsfeld ein, was von Kannengiesser wie folgt kommentiert wurde: „Er machte einen frischen, tüchtigen Eindruck, sprach sehr gut deutsch. Neue Hoffnung, daß es in dieser Nacht doch noch gelingen wird.“[ix] Der Angriff begann erneut in den Nachtstunden. Der Bericht des Nachrichtenoffiziers des 5. Armee bestätigte den traurigen Ausgang dieser Gefechte. Er schrieb am 4. Mai um 7.00 Uhr morgens: „Um 4.55 Vormittags meldete der XV. Divisionskommandeur, daß er Sedulbahr im Besitz habe. Am rechten Flügel ging der Angriff ebenso gut, bis dieser Flügel an die feindl. Drahthindernisse stieß u. mußte dort gehalten werden. Ich sah unsere eigene Infantrie auf der Höhe von Sedulbahr und westlich davon. Der Feind war ganz geschlagen und hinter Sedulbahr und bis Ertogroul geworfen. Ertogroul hatten wir aber immer noch nicht. Da wurde es leider hell. Die armen Soldaten, die diesen Angriff hervorragend durchgeführt hatten, blieben ohne Führung, es waren in der Front selten Offiziere zu sehen. Sie waren alle auf dem Felde der Ehre gefallen oder verwundet. Die Leute wußten nicht, was sie machen sollten, liefen wie Schafe hin und her; da kam das feindl. Schiffsfeuer von allen 4 Seiten und leider der ganze Angriff mußte ein trauriges Ende nehmen. Unsere Verluste waren unbeschreiblich groß. Beim Rückzug haben wir ebensoviel verloren wie bei dem Angriff.“[x]

 

Warum die Gegenangriffe der Türken gescheitert waren, beurteilte Mühlmann folgendermaßen, wobei er erneut nicht mit Kritik an der Führung sparte: „Bevor ich weitererzähle, will ich Euch aber die Grunde für das Misslingen der Angriffe berichten. In 1. Linie trug dazu die Mitwirkung der Flotte bei, die mit ihren etwa 20 Batterien schwersten Kalibers den Angriff der Türken von allen Seiten fassen konnte. Dann wurde der Angriff überstürzt. Die Besorgnis, der Gegner würde sich mit jedem Tag mehr in Sidilbahr verstärken u. verschanzen, führte dazu, von allen Seiten, wo nur verfügbare Truppen waren, diese ohne ihre Bagagen ja zum Teil ohne Tornister heranzuziehen. Nach mehrtägigem Transport u. langem Fußmarsch trafen die Truppen dann auf dem Gefechtsfeld ein u. hatten kaum Zeit, sich ordentlich im Gelände zu orientieren. Die Verpflegung funktionierte natürlich auch nicht so, wie es bei geregelten Verhältnissen der Fall ist. Ein weiteres Moment war die Unausgebildetheit der Offiziere u. Mannschaften. Natürlich sind Nachtangriffe einer der schwersten Angriffsarten u. muss die Truppe dahin besonders ausgebildet werden. Mit den Truppen, die aber hierher kamen, war das leider nicht der Fall u. Instruktionen im letzten Moment helfen da nichts. Auch die Offiziere haben da vollkommen versagt; die höheren Führer hielten sich alle hinten auf, wo sie jede Einwirkung auf den Gefechtsgang verloren, den niederen Offizieren waren wie ihren Truppen Nachtangriffe mit ihrer Technik unbekannt. Und doch wäre trotz all der ausgeführten Momente der Angriff dieser unausgebildeten, führerlosen aber vom besten Angriffsgeist beseelten Truppen geglückt, wenn uns der rechte Flügel, die 9. Div., nicht im Stich gelassen hatte. In beiden Nächten waren Regimenter der 7. Div., nach den verschiedensten Aussagen, bis in den Landstellen von Sidilbahr vorgedrungen, haben auf den Landebrücken Bomben geworfen; aber da die 9 Div. trotz aller Angriffsbefehle nur schwächliche Versuche, vorwärts zu kommen, machte, konnte der Feind, da dort nicht festgehalten, mit seinen der 9. Div. gegenüberliegenden Kräften sich gegen die rechte Flanke der vorgehenden 7. Div. wenden u. so deren Rückzug erzwingen. Ist das nicht ein Jammer? So viel Blut ist dadurch vergebens geflossen. Denn die Verluste die Verluste der 7. Div., die im Tageslicht unter diesem Höllenfeuer von 3 Seiten zurückgehen musste, waren natürlich sehr, sehr schwere. Man muss der Truppe die höchste Anerkennung aussprechen, daß sie nicht der Auflösung verfallen ist; ich selbst habe wieder von neuem die Überzeugung gewonnen, daß mit diesem Material alles zu machen ist. Wie ich am Morgen des 4. oben auf der Höhe war, wäre es mit Hilfe einiger energischer Offiziere gelungen, Ordnung in den Wirrwarr zu bringen, ja, wenn das Tageslicht nicht so drohte, noch zum Angriff vorzugehen. Von allen Seiten hörte ich Rufe: ‚Wohin sollen wir denn gehen! Keiner sagt es uns. Wir haben keine Offiziere.’ Und so liefen sie alle wirr herum. Es war wirklich erschütternd. Und trotz der enormen Verluste u. Misslingen des eigentlichen Plans, den Gegner ins Meer zu werfen oder gefangen zu nehmen, hatten diese fortgesetzten Angriffe doch wesentliche Erfolge; zunächst hatte auch der Gegner, wie ja aus den späteren Zeitungsberichten hervorging, große Verluste u. wurde seine moralische Haltung, wie die späteren Angriffe gezeigt haben, wesentlich erschüttert.“[xi] Kannengiesser wurde Zeuge dieses Gefechtes und folgerte: „Mir drängte sich die Überzeugung auf, daß auf diese Weise nicht mehr weiter gekämpft werden dürfe, und daß ich die Pflicht hätte, dies dem Marschall persönlich zu melden. Nach Rückkehr vom Gefechtsfeld am frühen Morgen des 4. Mai bat ich telefonisch um die Erlaubnis, dem Marschall Vortrag über die Lage halten zu dürfen.“[xii] Er erstattete von Sanders Bericht und bat nicht nur darum, den Versuch aufzugeben, den Gegner gänzlich von der südlichen Halbinsel zu vertreiben, sondern machte auch den Vorschlag, General Weber mit dem Oberkommando über die Südgruppe zu betrauen. Von Sanders antwortete darauf: „Der ist schon unterwegs und wird in einigen Stunden hier sein.“[xiii] Rittmeister Mühlmann urteilte über den Führungswechsel bei der Südgruppe: „Spät Abends traf auch General Weber ein; da das Angriffsverfahren gescheitert war, sollte nun mit dem Positionskrieg begonnen werden u. da war Weber als Train u. Festungsoffizier der richtige Mann. Ich war über sein Kommen sehr froh, Sodenstern war dieser schweren Aufgabe auf die Dauer nicht gewachsen u. auch ich fühlte mich für einen Positionskrieg mit Ausbau von Stellungen, Hindernissen, Minen u.s.w. zu sehr als Laie.“[xiv] Die offizielle Ablösung von Oberst von Sodenstern wurde mit einer angeblichen schweren Knieverletzung begründet, auch wenn offensichtlich die erfolglosen Gegenangriffe der wahre Grund für seine Abberufung gewesen waren.

General Liman von Sanders verzichtete nun zunächst auf weitere größere Gegenangriffe. Da aber auch die alliierten Truppen durch die andauernden Tag- und Nachtkämpfe ausgelaugt waren, gewannen die Verteidiger Zeit, die Truppen zu ordnen und neue Kräfte heranzuführen.

Die aus Sicht der Alliierten „Zweite Schlacht von Kirthe“ begann am 6. Mai und dauerte bis zum 8. Mai. Bereits in den Tagen vorher waren alle verfügbaren Verstärkungen durch General Hamilton nach Helles befohlen worden, da er dort die Entscheidung erzwingen wollte. Zwei Infanteriebrigaden und 20 australische Feldgeschütze, die eigentlich für die ANZAC-Front vorgesehen waren, wurden nach Süden umgeleitet. Bereits am 1. Mai war die 29. Indische Brigade mit vier Bataillonen bei Kap Helles an Land gegangen.

Lord Kitchener schrieb am 3. Mai an Hamilton: „Ich hoffe am 5. werden Sie stark genug sein, den Angriff gegen Achi Baba fortzusetzen. Jede Verzögerung ermöglicht es den Türken, weitere Verstärkungen heranzubringen und unangenehme Vorbereitungen für ihren Empfang zu treffen.“[xv] Hamilton sah bei den Planungen einen Angriff bei Nacht vor, während jedoch Hunter-Weston, der immer noch unter dem Eindruck der hohen Verluste unter den Offizieren stand, einen Gegenangriff bei Nacht vermeiden wollte, da man nachts auf die Unterstützung der Schiffsartillerie hätte verzichten müssen. Hunter-Weston’s Plan sah keine neue operative Variante für diesen Angriff vor, der um 23 Uhr nach der üblichen artilleristischen Vorbereitung beginnen sollte. Die Franzosen auf der linken Flanke sollten das Kereveres Tal nehmen und die britischen Truppen, rechts und in der Mitte eingesetzt, hatten Kirthe und den Eltschi Tepe als Angriffsziel. Die Lageinformationen über die türkischen Truppen waren sehr ungenau, aber als größter Mangel der alliierten Planung und Durchführung erwies sich erneut die ungenügende Information der Truppen über die eigene Absicht und den genaue Angriffsplan. Der Divisionsbefehl konnte erst sieben Stunden vor Angriffsbeginn verteilt werden; einige Einheiten erhielten ihn überhaupt nicht. Damit hatten vor allem die Kompaniechefs nicht genügend Zeit, sich und ihre Truppenteile auf den Angriff vorzubereiten. Ein Bataillon der Lancaster Fusiliers musste noch am 5. Mai vom Landungsstrand bis in die Ausgangsstellungen marschieren, sich dort in der Dunkelheit orientieren, was für sie gleichbedeutend war „wie von einem Ballon irgendwohin abgesprungen zu sein.“

Am 7. Mai erhielt Oberst Kannengiesser den Befehl, sich beim Stab der 9. Division zu melden, um dort als „Berater“ des Kommandeurs Oberst Sami Bey tätig zu werden. Das Motiv dafür waren vermutlich die offensichtlich zögerlichen Angriffe der letzten Tage, die General von Sanders vor allem auf das mangelnde Führungskönnen Sami Beys schob. Kannengiessers erste Eindrücke in seiner neuen Verwendung bestätigten diese Vermutung: „Sami Bey war eine bequeme, passive Natur, meist in seinem Zeltlager, das viel zu weit rückwärts in der Nähe des Feldlazaretts lag, sprach etwas Deutsch und zeigte sich zunächst nicht unzulänglich, wenn auch misstrauisch [...] Sami Bey war, glaube ich, der Ansicht, wie mancher der türkischen Offiziere dort draußen: die Deutschen haben uns in diesen Krieg hineingeritten, nun sollen sie zeigen, was sie können.“[xvi] So erlebte Kannengiesser auch die nächsten Tage dieser Schlacht bei der 9. Division.

Die Kämpfe begannen an allen drei Tagen vormittags fast täglich zur gleichen Zeit – am 6. Mai gegen 11.00 Uhr, am 7. Mai um 10.00 Uhr und am 8. Mai um 10.15 – jeweils nach artilleristischer Vorbereitung, die jedoch nicht die erhoffte Wirkung hatte. An jedem Tag konnten die alliierten Truppen zwar leichte örtliche Erfolge verzeichnen, aber die türkischen Verteidiger konnten überall einen entscheidenden Durchbruch verhindern.

 

Der Befehlshaber der Südgruppe, General Weber beschrieb die Lage am 7. Mai optimistisch: „Nachdem am 6. V. 12.45 nachm. das Vorgelaende durch Artillerie der Schiffe stark beschossen ging eine duenne Schuetzenlinie aus der Gegend von Hissarlik vor. Die Schuetzen wurden durch tuerk. Leichte Artillerie unter wirksames Feuer genommen. In der Mitte ging der Feind mit starken Kraeften vor. Von tuerk. Seite wurden einzelne Bataillone eingesetzt, nach kurzer Zeit brach die Vorwaertsbewegung des Gegners in unserem Feuer zusammen. Das Regiment 21, das sich ganz besonders dabei hervortat, gelangte dabei bis an die Landungsbruecke von Seddulbahr, unsere Verluste gering. So verlor eine in vorderster Linie stehende Batterie nur 2 Mann und einen Munitionswagen. Ich bin der Überzeugung, dass jedes weitere Vordringen des Gegners aufgehalten werden kann. Unsere Truppen sind ungefaehr in ihre alten Stellungen zurueckgegangen. Durch guenstigere Gelaendenuetzung wird sich das Feuer der Schiffe weniger fuehlbar machen. Die Nacht verlief ruhig. Hissarlik wird von seiner Anhoehe nordoestlich davon von uns beherrscht, sodass Arbeiten dort schwerlich vorwaerts kommen werden. Ich habe die Absicht, den Feind jede Nacht zu beunruhigen. Gez. Weber.“[xvii]

Bis zum 7. Mai waren kaum Geländegewinne erzielt worden und sogar Hamilton war von Bord gekommen, um nun selber die letzte Phase dieser Schlacht zu leiten. Die Befehle für den 8. Mai waren zwar wieder schlicht aber kamen trotzdem erst wenige Stunden vor Angriffsbeginn bei den Truppenteilen an. Vier Bataillone der Neuseeländer sollten gegen Kirthe angreifen, das von neun türkischen Bataillonen verteidigt wurde. Die 29. Division griff erneut links an, während die Franzosen weiter rechts erneut versuchten, das Kereveres-Tal zu nehmen. Nachdem am 8. Mai die Kämpfe am Vormittag begonnen hatten, kamen gegen 13.00 Uhr Meldungen in das alliierte Hauptquartier, dass es der Artillerie immer noch nicht gelungen war, die Maschinengewehrstellungen auszuschalten. Weiterhin hatte die Artillerie mittlerweile einen Versorgungsengpass und konnte deswegen nicht mehr ausreichende Feuerunterstützung leisten. Gegen 15.30 Uhr stand fest, dass die neuseeländischen und britischen Truppen wieder in den Ausgangsstellungen des Morgens lagen, aus denen sich zu diesem Zeitpunkt die französischen Truppen noch nicht einmal herausbewegt hatten. Hamilton sah nun eine letzte Möglichkeit, durch einen vereinten Angriff entlang der gesamten Front den Durchbruch zu erzielen. Aber auch dieser Verzweiflungsangriff scheiterte, die Truppen erlitten erhebliche Verluste und waren nun endgültig erschöpft.

Auf alliierter Seite schrieb Hamilton am Abend des 8. Mai an Lord Kitchener: „Das Ergebnis der Operation war ein Misserfolg, da mein Ziel unerfüllt blieb. Die Befestigungen und deren Maschinengewehre waren zu geschickt und nachhaltig eingesetzt worden, um eingenommen werden zu können und das, obwohl ich heute jeden verfügbaren Mann einsetzte.“[xviii] Diese Schlacht kostete auf alliierter Seite annähernd 6 000 Mann an Verlusten, die 29. Division hatte seit ihrer Landung am 26. April 10 000 Mann verloren und von 22 450 französischen Soldaten waren im Zeitraum zwischen dem 25. April und 12. Mai 12 610 gefallen oder verwundet worden.

Deutscherseits waren von den anfangs 44 Mann der Landungsabteilung nach diesen Kämpfen nur noch sieben Mann einsatzfähig, der Rest war gefallen, verwundet oder durch Krankheit ausgefallen. Die Verwundeten wurden, meist per Schiff, nach Istanbul gebracht und dort in der Krankenstation auf der GENERAL oder dem deutschen Krankenhaus behandelt. Der Einsatz der Landungsabteilung wurde im Kriegstagebuch der MMD mit Eintrag vom 8. Mai ausführlich gewürdigt: „Von der nach den Dardanellen geschickten Maschinengewehrkompagnie sind bereits 20 Mann tot oder verwundet. Ich schicke sofort Ersatz-Maschinengewehrschützen. Nach Mitteilung des Generals v. Liman hat ihm die Maschinengewehrkompagnie eine große Unterstützung geleistet. Ihre Ankunft in der türkischen Linie ohne Dolmetscher oder türkischen Begleiter hätte den Leuten leicht zum Verhängnis werden können. Die Türken hielten sie für Engländer, nahmen ihnen die Waffen und Gläser weg und wollten sie erschießen, bis es gelang, Aufklärung zu schaffen und einen deutsch sprechenden Feldwebel zugeteilt zu bekommen.“[xix]

Die verlustreichen Kämpfe stießen nicht nur auf Kritik seitens der türkischen Führung, sondern auch seitens Generalfeldmarschalls von der Goltz, dem Befehlshaber der 1. Armee. Bei einer Gelegenheit erklärte er, dass der „Knabenmord von Ypern hier nicht wiederholt werden darf“, und setzte ein Schreiben mit der Mahnung auf, dass Infanterieangriffe durch die Artillerie gut vorbereitet werden müssten. Dieses wurde General Liman von Sanders zugestellt, woraufhin beim Generalhauptquartier in Istanbul ein Fernschreiben eintraf, in dem sich von Sanders „das Gefasel eines Greises“ verbat und kurz darauf die aus Istanbul frisch eingetroffene 2. Division in der Nacht vom 18. auf den 19. Mai ohne Artillerievorbereitung zu einem Großangriff gegen die feindlichen Linien antreten ließ. Liman von Sanders gestand danach, was selten genug war, selbigen als Fehler ein: „Die englischen Nahkampfmittel und auch die Reserven waren aber zu stark, so daß ein entscheidender Erfolg nicht errungen werden konnte. Die Verluste waren auf beiden Seiten so große gewesen – unsere tapfere 2. Division hatte fast 9000 Tote und Verwundete -, daß der dort befehligende englische General einen kurzen Waffenstillstand zur Beerdigung der Toten bei mir beantragte. Dieser wurde für den 23. Mai zugestanden. Es ist dies das einzige Mal, daß die Kampfhandlungen im Dardanellenfeldzug auf kurze Zeit unterbrochen worden sind.- Ich muß den genannten Angriff im übrigen als einen von mir gemachten Fehler, der auf der Unterschätzung des Feindes beruhte, bezeichnen. – Die Vorbereitung durch unsere Artillerie, welche zu schwach an Zahl war und dazu Munition sparen musste, konnte für den beabsichtigten Zweck nicht genügen.“[xx]

 

Nach den geschilderten Kämpfen um Kirthe richteten sich zunächst beide Seiten auf einen Stellungskrieg ein, ohne dass eine Seite bis Ende Mai weitere wesentliche Angriffsversuche unternahm. Es galt vielmehr, die Verteidigungsstellungen auszubauen und sich dabei gegenseitig durch Artillerieüberfälle bzw. Störfeuer daran zu hindern. Besonders auf türkischer Seite zwang der Munitionsmangel, sich auf wenige Ziele und Anlässe zu beschränken.

Das deutsche Kontingent hatte sich mittlerweile in den Unterständen heimatlich eingerichtet: „’Bismarckstand’ las man vom weitem auf einer Tafel: innen Bilder, Ansichtspostkarten usw., wie in dem Unteroffizierverschlag einer Mannschaftsstube.“ Kannengiesser maß dieser deutschen Enklave nicht nur einen hohen taktischen Nutzen sondern auch eine herausragende moralische Wirkung zu: „Natürlich setzte ich deutsche Matrosen-Abteilung nunmehr in diese wichtige, aber auch sehr gefährdete vorspringende Bastion ein. Die ganze Stellung zwischen den beiden Bächen hatte damit außerordentlich gewonnen“, und weiter: „diese deutsche Zelle im vorderen Schützengraben wirkte wie eine feste Verankerung des Ganzen im Gelände und gab uns allen, Türken wie Deutschen, einen moralischen Halt.“[xxi] Kannengiesser schwärmte aber auch aus einem anderen Grund für diesen besonderen Stützpunkt: „Und dann das deutsche Essen! Wie oft ist mir das in die Nase gestiegen, wie gerne hätte ich mal mitgegessen, und wenn’s auch Speckerbsen waren bei dieser stechenden Hitze.“

 

General von Sanders erkannte, dass sich die Fronten verhärteten und man sich offensichtlich auf einen Stellungskrieg wie an der Westfront einzustellen hatte. Daher forderte er am 22. Mai aus Deutschland „die sehr baldige Entsendung von 200 hauptsächlich völlig ausgebildeten Pionieren“, die „zur Anleitung der im Heranarbeiten und Vorschieben von Schützengräben an feindliche Stellung wenig erfahrenen türkischen Pioniere für Kampf der Südgruppe auf Halbinsel Gallipoli“ [xxii] benötigt würden.

Auf der gegnerischen Seite war General Hamilton trotz der fehlgeschlagenen „Zweiten Schlacht von Kirthe“ nach wie vor davon überzeugt, die Angriffsziele nehmen zu können, forderte dafür aber Verstärkung von mindestens zwei weiteren Divisionen an. Es wurde ihm jedoch nur eine – die 52. Division – gewährt. Hunter-Weston war indess entschlossen, weiter gegen den Achi Baba anzugreifen und rechnete ebenfalls immer noch mit einem Erfolg, da er bis Ende Mai frische Kräfte erwartete.

Am Morgen des 4. Juni begann am Morgen ein Trommelfeuer auf die vordersten türkischen Schützengräben, das über zwei Stunden anhielt. Es eröffnete den Angriff, der später als „Dritte Schlacht von Kirthe“ bezeichnet wurde. Wie üblich, warteten die türkischen Truppen diesen Artillerieüberfall in ihren Unterständen ab, um dann wieder in die Schützengräben zurückzukehren, nachdem das Feuer geendet hatte. Kannengiesser schrieb darüber: „Am Freitag, dem 4. Juni, setzte denn auch gegen 11 vorm. plötzlich ein Trommelfeuer auf die vordersten türkischen Schützengräben, aus den Landbatterien und den die Südspitze umgebenden Kreuzern und Torpedobooten ein [...] Es war kein Zweifel, dass dieses Feuer die Vorbereitung für einen schweren feindlichen Infanterieangriff war.“[xxiii] Die Situation für Kannengiesser bei der 9. Division war schwierig geworden, da er sich nicht mit Sami Bey verständigen konnte, dieser nicht auf die Ratschläge des deutschen Oberst hören wollte und sich zudem wenig um die aktuelle Gefechtsführung kümmerte. Dagegen hatte Kannengiesser sich sogar bei General Weber beschwert, da Sami Bey im Gefecht Befehle gab, die nicht mit Kannengiesser abgestimmt worden waren. General Weber erteilte daraufhin Sami Bey deutliche Weisung, aber der dachte nicht daran, sein eigensinniges Verhalten zu ändern. Als nun das Artilleriefeuer auf die eigenen vorderen Stellungen niederging und Kannengiesser Sami Bey im Gefechtsstand der Division für eine Unterredung erwartete, erschien dieser erst gar nicht, sondern flüchtete mit seinem Stab, als sich das Feuer in die Tiefe auch gegen die Höhe 150 und die Nähe des Divisionsgefechtsstandes richtete, in sicheres Gelände.

Der alliierte Angriff verlief zunächst erfolgreich und die britischen Truppen in der Mitte und am linken Flügel konnten relativ rasch die vorderen türkischen Gräben nehmen. Auch die vorne eingesetzten Teile der deutschen Landungsabteilung kamen unter das heftige alliierte Feuer und der vorderste Graben links des Sigindere ging verloren, während es auf der rechten Seite dieses Grabens unter Einsatz der Maschinengewehre gelang, den britischen Angriff zum Stehen zu bringen. Allerdings war von den deutschen Bedienmannschaften der Maschinengewehre ein großer Teil gefallen und musste durch Reserven ersetzt werden.

Das rechts eingesetzte französische Korps konnte die Stellungen in dem extrem schwierigen Gelände um den Kerevesdere nicht nehmen, was somit zu einer offenen rechten Flanke der britischen Truppen führte. In diese stieß ein türkischer Gegenangriff, der den gesamten alliierten Angriff zum Erliegen brachte und zuließ, am gleichen Tag auch fast alle Ausgangsstellungen wieder zurückzuerobern. Kannengiesser beschrieb diese kritische Phase der Kämpfe auf dem rechten Flügel der bei der 9. Division: „Natürlich mußten die verlorenen Gräben zurückerobert werden. Für den Nachmittag war dieser Angriff in Aussicht genommen, als ich zur Südgruppe gerufen wurde, wo General Weber mir 5 frische Bataillone, das I. und II. Bataillon des Infanterie-Regiments 1 und 3 Bataillone des Infanterie-Regiments 5 zur Verfügung stellte. Ich ließ die sämtlichen Kommandeure nach Kirthe kommen und ging mit jedem einzelnen genau den Weg ab, den die Bataillone am nächsten Morgen zu nehmen hatten. Wenn auch die Schrapnells auf die Trümmer von Kirthe herunterknatterten, so war es doch eine eingehende Unterweisung im Gelände, wie man sie sonst nur im Frieden erlebt. Zweifel über Anmarsch, Entfaltung, Entwicklung, Anschluß, Richtung konnten nicht bestehen und bestanden auch nicht. Am 6. Juni 1.00 nachts trafen die Truppen mit dem Anfang bei Kirthe ein; um 3.30 vorm. begannen die entwickelten Linien den Vormarsch, ohne daß der Gegner etwas merkte. Der Sturm gelang vollkommen. Der famose Boltz meldete als erster auf einem herausgerissenen Notizbuchblatt, daß unsere alten Stellungen vollständig wieder in unseren Händen seien, und die Engländer ungeheure Verluste gehabt hätten. Siebzehn englische Maschinengewehre, zahlreiche Gewehre und Munition sowie sonstiges Material wurden erbeutet. Dieser Sturm sollte aber auch einem tapferen Manne Errettung bringen, der am Verschmachten war.“[xxiv] Allerdings sagte Kannengiesser, dass ein weiterer Angriff am Folgetag nicht mehr derart abgewehrt hätte können: „Ich hatte das Gefühl, daß ein nochmaliger, gleichzeitiger, energischer Angriff der Engländer übelste Folgen haben würde. Er erfolgte aber nicht.“[xxv] In den folgenden Tagen gab es nur noch Gegenstöße von beiden Seiten und im wesentlichen hatten sich mit dem Ende der „Dritten Schlacht von Kirthe“ am 8. Juni die Linien kaum verändert.

Durch das fortgesetzte Einschieben neuer Verbände im Zuge dieser Kämpfe waren die Truppeneinteilungen und damit auch die Befehlsbefugnisse in der türkischen Verteidigungslinie völlig durcheinander geraten. Von der ursprünglich 9. Division waren nur noch Reste übrig; in ihrem Gefechtsstreifen befanden sich Teile der 2., 7., 11. und 15. Division. General Weber stimmte einer grundsätzlichen Umgruppierung zu. Die 9. Division wurde wieder nach Maidos zurückverlegt, um dort als Reserve aufgefrischt zu werden, während der Gefechtsstreifen der 9. Division Halil Bey übergeben wurde, der mit sechs frischen Bataillonen die erschöpften Truppenteile ablöste. Offensichtlich hatte sich Liman von Sanders nun dazu durchgerungen, auf großangelegte Gegenangriffe zu verzichten und die Kräfte für die Verteidigung zu konzentrieren. Die Landungsabteilung musste am 28. Juni einen weiteren, heftigen Angriff der Engländer abschlagen, bei dem das letzte noch funktionsfähige Maschinengewehr nach dem Verschießen der Munition hinter die eigenen Linien gebracht werden konnte. Bei diesem Gefecht wurde der neu zur Abteilung versetzte Leutnant z. S. Müller schwer verwundet. Da der größte Teil der Mannschaft der Abteilung ausgelaugt oder durch Krankheit geschwächt war und man nur noch über zwei funktionsfähige Maschinengewehre verfügte, wurde die Abteilung zur Regenerierung nach Istanbul abgezogen.

Die Kämpfe an der Front bei Kirthe hatten seit Anfang Juni die Alliierten über 16 000 Mann, die türkischen Verteidiger rund 40 000 Mann an Verlusten gekostet. Die alliierten Geländegewinne waren allerdings gering. Die Verteidigung war weiter stabil, da sie über den Vorteil des günstigeren Geländes, aber auch über den kontinuierlichen Nachschub aus dem Hinterland verfügte. Der Befehlshaber des VIII. britischen Korps, General Hunter-Weston, erlitt einen Schwächeanfall und verließ im Juli 1915 die Halbinsel für immer. Er hinterließ ausschließlich stark dezimierte Verbände und ein britischer Feldwebel schrieb: „Helles sieht aus wie Misthaufen und stinkt wie ein geöffneter Friedhof.“[xxvi]

Bei diesen äußerst verlustreichen Kämpfe im Süden der Halbinsel verlangten die operativen Führer auf beiden Seiten ihren Truppen größte Opfer ab, während die jeweiligen Schlachten ideenlos und unter unnötigem Zeitdruck geplant worden waren und den Truppen nicht die nötige Zeit zur Vorbereitung gegeben wurde. Liman von Sanders beendete erst nach Intervention durch die untergeordneten deutschen Truppenführer die selbstmörderischen Angriffe und löste deswegen General Weber am 8. Juli als Befehlshaber der Südgruppe ab. Auch wenn er sich mit seinem Verhalten nicht von den Truppenführern an der Westfront unterschied, ist doch hier seine Führungsleistung deutlich zu hinterfragen. Er wurde bei den Kämpfen um Kirthe seinem ursprünglichen Grundsatz der deutlichen Schwerpunktbildung untreu und die überstürzten Angriffe mit erschöpften und ungeübten Truppen waren zum Scheitern verurteilt. Weiterhin ist auch an die Beobachtungen anderer deutschen Offiziere während dieser Schlacht zu erinnern, die den türkischen Truppenführern teilweise deutliches Versagen attestierten. Zudem bleibt die Frage, welche operativen Alternativen von Sanders an diesem Frontabschnitt hatte, der nur knapp sieben Kilometer breit war und kaum Raum für Truppenbewegungen oder gar Umfassungen hatte. Mit jedem Tag wurden durch den Ausbau der Feldbefestigungen auch die Bewegungen von Truppenteilen schwieriger, was möglicherweise die überhasteten Angriffe auf beiden Seiten erklärte. Auch hatten die neu eingeführten türkischen Verbände das vorbereitende Übungsprogramm an Nachtmärschen und -angriffen nicht absolviert und kannten das Gelände nicht. Meiner Beurteilung nach hätte von Sanders die Frontlinie durchaus für einige Wochen auch ohne Gegenangriffe halten können, um in dieser Zeit den Ausbau der Verteidigungsanlagen zu optimieren, einen tragfähigen Operationsplan für einen Gegenangriff zu entwerfen und zu koordinieren, die Führer und die Truppen entsprechend zu instruieren und ihnen Zeit für die Vorbereitung und Versorgung zu geben. Vor allem hätte er dann Zeit gehabt alle verfügbaren Land-, See- und Luftkriegsmittel zu koordinieren und auf einen Punkt, das heißt einen Angriff zu konzentrieren.

 

 

 

[i] BA/MA, W 10 / 51475, Aufzeichnungen Mühlmann

 

[ii] Robert Rhodes James, Gallipoli, S. 144

 

[iii] Robert Rhodes James, Gallipoli, S. 144

 

[iv] Chambers, Gully Ravine, S. 28

 

[v] BA/MA, W 10 / 51475, Aufzeichnungen Mühlmann

 

[vi] BA/MA RM 40 / 755, KTB der MMD, S. 146

 

[vii] BA/MA RM 40 / 755, KTB der MMD, S. 158

 

[viii] BA/MA, W 10 / 51475, Aufzeichnungen Mühlmann

 

[ix] Kannengiesser, Gallipoli, S. 115

 

[x] BA/MA RM 40 / 76, S. 2

 

[xi] BA/MA, W 10 / 51475, Aufzeichnungen Mühlmann

 

[xii] Kannengiesser, Gallipoli, S. 115

 

[xiii] Kannengiesser, Gallipoli, S. 116

 

[xiv] BA/MA, W 10 / 51475, Aufzeichnungen Mühlmann

 

[xv] Robert Rhodes James, Gallipoli, S. 148

 

[xvi] Kannengiesser, Gallipoli, S. 117

 

[xvii] BM/MA RM 40 / 76, S. 6

 

[xviii] Robert Rhodes James, Gallipoli, S. 157

 

[xix] BA/MA,  RM 40 / 755, S. 162

 

[xx] Sanders, Fünf Jahre Türkei, S. 100

 

[xxi] Kannengiesser, Gallipoli, S. 142

 

[xxii] AA/PA, Türkei 139, A 16680, Liman an Kriegsministerium vom 22.05.1915

 

[xxiii] Kannengiesser, Gallipoli, S. 146

 

[xxiv] Kannengiesser, Gallipoli, S. 152

 

[xxv] Kannengiesser, Gallipoli, S. 153

 

[xxvi] Robert Rhodes James, Gallipoli, S. 234

AM II, 173 AMS "Helenenmarsch"