Kapitänleutnant Fritz Hilgendorff

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Familie von Hilgendorff am Eingang ihres Rittergutes in Platzig. Fritz Hilgendorff in der Uniform eines Fähnrichs zur See am linken Türrahmen lehnend neben seinen Eltern.

Fritz Hilgendorff wurde am 24.04.1883 auf einem Rittergut in Platzig in Pommern geboren, trat im April 1901 in den Militärdienst ein. Nach einer sechsmonatigen praktischen Ausbildung auf einem Seekadettenschulschiff und einer sechsmonatigen  theoretischen Ausbildung in Kiel machte er die Laufbahnprüfung als Seeoffizier. Nach mehreren Verwendungen wurde er als Kapitänleutnant Wach-, bzw. Artillerieoffizier auf der GOEBEN und war mit dieser im August 1914 in Istanbul eingetroffen. Im Rahmen des Ausbildungsprogramms für die osmanische Marine, bei der viele der deutschen Seeoffiziere und Unteroffiziere auf osmanische Schiffe kommandiert wurden, hatte auch Kapitänleutnant Hilgendorff aus Ausbilder anzutreten. Er kam auf die YADIĞAR-i MILLET, wo er, der schon auf der GOEBEN als Schrecken der Matrosen bekannt geworden war, mit „seinen Türken“ fast ausschließlich laut schreiend kommunizierte[1]. Vermutlich war das der Grund, dass er noch im September 1914 vom Befehlshaber der Mittelmeerdivision (MMD), Admiral Souchon selber an den Suez-Kanal abgeschoben wurde – „H. (Hilgendorff) ist durch den Krieg sehr durchgedreht. Da er auf den Feind nicht hinhauen kann, haut er dafür auf seine Leute. Auf Goeben und später auf einem türk. Torpedoboot ging es mit ihm nicht mehr, da habe ich ihn zur Militärmission zur Verwendung gegen den Suezkanal und Ägypten zur Verf. gestellt, ihm Geld, 2 Pferde und 20 Gewehre mit Munition gegeben und losgeschickt. Er ist ein patriotischer Tanzgeist und schneidiger Reiter, bringt jedenfalls den Türken, Arabern und Beduinen da unten, evt. auf eigene Faust in Fluß das, worauf es mir am meisten bei seiner Entsendung ankam. Er ist jetzt schon zwischen Jerusalem und dem Kanal, hat eines seiner edlen Pferde zur Strecke und viele Leute vor den Kopf gestoßen, telegrafiere nach 100000 Mark und einem Arzt, hat ca. 70 Mann bei sich. Er wird schon weiter finden und die Engländer beunruhigen, dabei von Feinden oder Freunden erschossen werden. Ich habe ihm eingeschärft, daß es darauf ankomme den Engländer zu beunruhigen und nicht für das Vaterland zu sterben, bin aber bei seiner Veranlagung und jetzigen Ekstase unsicher, was er wohl anstellen wird.“[2] Gleichwohl schienen seine Leistungen nicht völlig unverkannt geblieben sein – ihm war immerhin der Osmanie-Orden 4. Klasse sowie die Liakat-Medaille verliehen worden.

Das Deutsche Reich, dass mittlerweile den „Heiligen Krieg“ gegen die „ungläubigen Christen“ der Alliierten hatte ausrufen lassen und nun Aufruhr und Sabotage überwiegend gegen britischen Kolonialgebiete schüren wollte, plante unter anderem auch Sabotageakte gegen den Suezkanal, der für eine Passage gesperrt werden sollte. Dazu wurden verschiedene verdeckte Operationen gestartet – eine durch Kapitänleutnant Hilgendorff. Admiral Souchon schrieb darüber: „Die Bekenner des Islam müssen wir natürlich auf unserer Seite zu behalten suchen und für uns gegen den Allerweltsbedrücker England aufwiegeln. Daran arbeiten wir hier, ich persönlich auch nach Kräften. Aber das geht leider langsam in Ländern ohne Eisenbahnen und Telegrafen. Um einen Druck gegen England zu schaffen, soll die türk. Armee den Suezkanal bedrohen, auch das kommt nur sehr langsam vorwärts und wenn nicht jeder von uns deutschen Vertreter mit äusserster Aufmerksamkeit und Zähigkeit täglich dahinter sitzt, so kommt die Sache nicht nur nicht vorwärts, sondern wird sogar nach rückwärts betreiben. Um die Hände darin zu haben, hat General v. Liman einige und ich auch gestern einen meiner schneidigen Offiziere Hilgendorff zu dieser Expedition kommandiert.“[3]

 

Dieser war aus Istanbul am 19. September 1914 in den Nahen Osten entsendet worden. Dort sollte er mit der Unterstützung einer kleinen Gruppe von ihm angeworbener deutscher Siedler einen Angriff gegen den Suezkanal unternehmen. Geplant war die Provokation einer Havarie eines großen Dampfers, indem der Lotse erschossen werden sollte[4]. Dieses tat er offensichtlich mit expliziter Unterstützung, da sogar Kriegsminister Enver die Weisung erteilt hatte „Hilgendorffs Unternehmung möglichst zu unterstützen“.[5] Diese Unterstützung nahm Hilgendorff auch üppig in Anspruch. Bereits Anfang Oktober 1914 beliefen sich seine unbezahlten Rechnungen, die Hilgendorff von der Botschaft in Istanbul beglichen haben wollte, auf über 6.000,- Reichsmark. Zudem zahlte ihm die Legationskasse 600 Pfund Sterling als Vorschuss. Hilgendorff fröhnte einem zu auffälligen Lebensstil und erregte mit seinem indiskreten Verhalten das Mißtrauen der Engländer aber auch der Osmanen, die immer noch um die Wahrung ihrer Neutralität besorgt waren. Nachdem die Engländer eine offizielle Beschwerde gegen Hilgendorff in Istanbul bei Enver vorbrachten, wurde ihm das Überschreiten der türkisch-ägyptischen Grenze untersagt. Hilgendorff mißachtete diesem Befehl jedoch und wollte sich den Grenzübergang mit Waffengewalt erzwingen. Bei dem folgenden „unblutigen verlaufenen Feuergefecht“[6] wurde offensichtlich niemand verletzt, aber Hilgendorff wurde wieder zurück nach Istanbul beordert. Angeblich soll er sich daraufhin einer Räuberbande angeschlossen haben, die ihm seinen Weg durch die Wüste bahnen helfen sollten. Auf dem Weg wurde er verwundet, aber kam letztlich doch wieder in Istanbul an. Dort beging er am 8. März 1915 Selbstmord durch Erschießen.

Eine sehr blumige Beschreibung des Auftretens von Hilgendorff gibt Tschirner:

„Eines Tages tauchte in unserem Hotel eine seltsame Erscheinung auf. Sie war angetan mit einer Abája, einem langen hemdartigen Mantel aus bunter Seide, trug auf dem Kopfe eine Kefija, ein Tuch, das von einem Kranz aus schwarzer Wolle gehalten wird, im Gürtel drei krumme Dolche und wenigstens vier moderne Revolver. Ein paar Halbschuhe aus rotem Sassian vervollständigten den Anzug. Man glaubte einen arabischen Fürsten aus dem Nedsch vor sich zu haben, dessen funkelndes Auge einem Feinde nichts Gutes versprach. Es war Kapitänleutnant Hgff. von der „Goeben“, der aus Konstantinopel kam und einen Feldzug auf eigene Faust gegen die Engländer unternehmen wollte, ähnlich dem, den ich selbst vorgehabt hatte. Der Botschafter, der den Dingen ebenso naiv und sachunkundig wie er selbst gegenüberstand, war von seinem phantastischen Plan entzückt gewesen und hatte ihn mit reichen Geldmitteln ausgestattet.

Hgff. war ein Mann von großer persönlicher Bravour, aber wie viele Seeleute, die ihr Dasein abseits des täglichen Lebens auf Schiffen verbringen, von einer ungeheuren Naivität und Lebensfremdheit. Die großen Summen, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren, hatte er sehr bald in kostbaren Pferden und Ausrüstungsgegenständen angelegt, und so bereiste er zunächst einmal das Land und erhob auf Grund seiner Vollmachten und seiner furchteinflößenden Erscheinung bei allen Konsulaten und Banken die flüssigen Gelder. Dazu beschlagnahmte er alles, was ihm brauchbar schien und was nicht niet- und nagelfest war gegen Ausstellung eines Bons auf die Botschaftskasse. Jeden Deutschen, der noch nicht in Uniform steckte und dessen er habhaft werden konnte, preßte er für seine Unternehmung. Da er ein möglichst großes Auftreten für erforderlich hielt, verschaffte er sich die Prunkzelte, in denen der deutsche Kaiser gelegentlich seiner Palästinareise gewohnt hatte, und nahm Zelte selbst für seine Pferde mit, ein in dem weiten Gebiet arabischer Zunge noch nicht dagewesenes Ereignis! Er war ausgerüstet, als sei er der Vertreter eines Monarchen, der in einer hochfeierlichen Staatsaktion eine Reise zu den reichen Fürsten Innerarabiens unternehmen wollte, nicht aber wie ein Freischärler, der in aller Heimlichkeit zu einem Schlage gegen den Feind ausholte, der sich jenseits eines Wüstengebietes befand, in dem die Ärmsten aller Beduinen zu Hause sind. Seine Hauptstütze war sein ihm blind ergebener Bursche, ein Matrose von der „Goeben“, dem er den Rang eines Oberzahlmeisters verliehen hatte und dem die ganze Geschichte einen Heidenspaß machte. Nachdem er in der Überzeugung, daß zum Kriegsführen Geld und nochmals Geld gehört, die deutschen Kassen in Damaskus – bis auf die unsrige – so ziemlich geleert hatte, brach er nun nach Jerusalem auf. Seine abenteuerliche Erscheinung, die stark an den Don Quichotte erinnerte, während sein Bursche ein kleiner untersetzter Junge von der Wasserkante war, erregte bei seinem Abzug in der ganzen Stadt das lebhafteste Aufsehen, besonders bei den Arabern, die ihn für einen ungeheuer reichen Franken hielten, der zum Islam übergetreten war und sich ein arabisches Königreich gründen wollte.

Hgff. kam mit seiner Freischar nur bis an die türkisch-ägyptische Grenze, wo sich ihm die türkischen Grenzposten auf Befehl der Regierung entgegenstellten, die als neutral ihr Gebiet nicht zur Basis und zum Ausgangspunkt einer so auffallenden Unternehmung machen lassen konnte, von der die Engländer längst durch Spione unterrichtet waren. Hgff. , der sich nicht aufhalten lassen wollte, besetzte eine Höhe und eröffnete ein lebhaftes, aber unschädliches Feuer auf die türkischen Gendarmen, die ihm schließlich einen Teil seiner Pferde verwundeten, worauf er, wie in seinem klassischen Bericht angab, „unbesiegt“ den Rückzug antrat. Vom Botschafter wutschnaubend zur sofortigen Rückkehr nach Konstantinopel aufgefordert, schloß er sich, gestützt auf das Wohlwollen des Chefs des Stabes des achten Korps, der Räuberbande des aus dem Balkankriege bekannten Komitatschiführers Ali-Bey an, dessen Spezialität es war, englische Patrouillen aufzuheben und abzuschlachten. Auf der Rückkehr von einer Rekognoszierung hatte er aber das Unglück, mit einem der verhaßten Engländer verwechselt zu werden, und erhielt von einem der Räuber einen schweren Armschuß. Völlig verhungert und verdurstet wurde er mir eines Tages in Akaba vor das Zelt getragen. Nachts im Wundfieber hatte er nicht mehr die Kraft aufgebracht, sich nicht mehr nach den Gestirnen zu orientieren, was ihm als Seemann ein leichtes gewesen sein mußte, und war schließlich tagelang umhergeirrt, bis ihn einer meiner Fernpatrouillen aufgriff und mir zuführte. Ohne mein Patrouillensystem, das weite Gebiete ständig nach Spionen absuchte, wäre er auf die elendste Weise eines mehrfachen und qualvollen Todes an seiner Wunde und vor Hunger und Durst gestorben, und die Wüste wäre um ein in der Sonne bleichendes Europäerskelett reicher gewesen. Als er etwa sechs Wochen später gebrochen an Leib und Seele Konstantinopel erreicht hatte und der General Liman seiner bedauernswerten Lage kein Verständnis entgegenbrachte, erschoß er sich im Hotel Kröcker aus gekränktem Ehrgefühl. Sein Kommandant, der Kapitän z.S. A. vom Panzerkreuzer „Goeben“, unter dem er den Durchbruch des Mittelmeergeschwaders von Sizilien nach den Dardanellen mitgemachte hatte, sagte von ihm, als ich ihn während der Revolutionstage in Wiesbaden wieder traf, daß er ein ausgezeichneter Artillerieoffizier gewesen sei.

Hgff. stand den Verhältnissen von Land und Leuten ahnungslos gegenüber, und so ist auch er halb ein Opfer unserer Diplomatie, halb ein Opfer des Mangels an der inneren Wärme geworden, von der ich früher sprach und die keinem so nottut wie einem jungen, unerfahrenen Menschen in fremdem Lande, der gescheitert ist. Die Wüste kann man so wenig belasten wie das Meer, in das man einen Menschen geworfen hat, der nicht schwimmen kann.“ [7]

 

Vom Tod Hilgendorffs berichtete Souchon in seinen Aufzeichnungen vom 9. März 1915: „H. (Hilgendorff) hat traurig geendet. Er hat sich gestern in einem C’peler Hotel erschossen. Weshalb, läßt sich nicht feststellen. Er wird erblich belastet gewesen sein, da ein Bruder von ihm bereits durch Selbstmord geendet hat. Er ist, wie festgestellt wurde, schon vor 2 Tagen hier angekommen, hat es aber vermieden irgend einen Kameraden oder sonst jemanden zu sehen. Heute wollen wir ihn auf dem deutschen Friedhof begraben. Ich freue mich, daß der Botschaftspfarrer Graf Lüttichau dabei sein wird. Ich hätte mich gefreut, dies Bild von einem Kerl, wieder zusehen und mir von seinen Kriegstaten in der Wüste am Suezkanal erzählen zu lassen. Nach Mitteilung der Militärmission hat es sich, bis auf seine Extravaganzen in letzter Zeit bewährt und setzt Draufgängertum bewiesen. Wieviel herrlicher hätte er jetzt sein Leben für das Vaterland verlieren können.“[8]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eintragung aus dem Register über die standesamtlich beurkundeten Sterbefälle

in der Kaiserlichen Marine während es Krieges – Band H, Krankenbuchlager Berlin Nr. 68027

 

                                                                                                                                                                                                        Grabstein auf dem Soldatenfriedhof in Tarabya

 

 

Da Kapitänleutnant Hilgendorff heute auf dem erweiterten Friedhofsteil in Tarabya begraben liegt, muss er von einem anderen christlichen Friedhof in Istanbul erst später hierher umgebettet worden sein – von welchem, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Dafür spricht auch, dass er in der Gräberliste von 1927 noch nicht erwähnt wurde. Obwohl im März 1915 bereits der Soldatenfriedhof in Tarabya existierte, wurde ihm ein Begräbnis dort offensichtlich zunächst verwehrt. Es ist nur zu vermuten, dass sowohl Admiral Souchon als auch General Liman von Sanders ihn mit seinen Taten nicht auf einem „Heldenfriedhof“ begraben wollten. Dennoch wurde ihm die späte Ehre zuteil, als er von seinem ursprünglichen Grab nach Tarabya umgebettet wurde.

 

 

 

[1] Langensiepen, Nottelmann, Krüsmann, Halbmond und Kaiseradler, S. 15

 

[2] Briefe Souchon, Band 3, Eintrag 17. Oktober 1914 von Bord der S.M.S. Goeben

 

[3] Briefe Souchon, Band 3, Eintrag 20. September 1914

 

[4] Kreß von Kressenstein, Mit den Türken zum Suezkanal, S.55, sowie H.E. Tzschirner-Tzschirne, In die Wüste. Meine Erlebnisse als Gouverneur von Akaba , Berlin 1920, S. 78-82, zitiert nach: Salvador Oberhaus, Zum wilden Aufstande entflammen, Düsseldorf 2006

 

[5] Salvador Oberhaus, Zum wilden Aufstande entflammen, Düsseldorf 2006, S. 231

 

[6] Kreß von Kressenstein, Mit den Türken zum Suezkanal, S.59, zitiert nach: Salvador Oberhaus, Zum wilden Aufstande entflammen, Düsseldorf 2006

 

[7] H.E. Tzschirner-Tzschirne, In die Wüste. Meine Erlebnisse als Gouverneur von Akaba , Berlin 1920, S. 78-82

 

[8] Briefe Souchon, Band 5, Eintrag 9. März 1915, Stenia

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